Der Widerspenstigen Zähmung

Das ist gar nicht so selten: Katzenkinder, die in ihren ersten Lebenswochen ohne menschliche Wärme und Liebe aufgewachsen sind, brauchen als Erwachsene lange, bis sie uns Vertrauen schenken. Aber mit ein bisschen Geduld wird jede Kratzbürste zur Schmusekatze.

Henny und Isolde sollten sterben. Sie waren auf einem Bauernhof zur Welt gekommen. Die Mutter hatte sie - aus Erfahrung klug - vier Wochen lang gut versteckt. Doch dann wurden die Zwillinge munter und wollten ihr Revier erkunden. Glücklicherweise holten Helfer des Tierheims die Babys ab, bevor sie getötet wurden.

Doch die beiden Katzenkinder zeigten sich überhaupt nicht dankbar. Sie kratzten, fauchten, verkrochen sich, wann immer sie konnten, und mussten mit Gewalt geimpft werden. Einen guten Platz für das Pärchen zu finden schien unmöglich. Doch heute, nach einem halben Jahr, sind Henny und Isolde zwei aufgeweckte, zauberhafte Katzenteenager, die mit Leidenschaft spielen, ihre Familie mit immer neuen Streichen entzücken und sich zum Schlafen am liebsten auf die Couch kuscheln, wenn dort ein Zweibeiner liegt. Sie geben beide Köpfchen und schnurren lauthals, wenn sie gestreichelt werden. Henny und Isolde hatten Glück. Sie landeten bei einer Familie mit Katzenerfahrung, die aus den zwei menschenscheuen Teufelchen mit viel Geduld zwei Schmusekatzen machte. Weil die zwei Bauernhofkätzchen kein Einzelschicksal sind, hier einige Tipps für alle, die auch eine scheue Katze haben:

Tipps:
Bieten Sie im Haus ein Eck an, in dem die Katze Zuflucht findet, wenn ihr Angst wird. So ein Rückzugsplatz sollte entweder hoch oben sein, z. B. auf einem Schrank. Oder unter einem Dach, wie in einem frei geräumten Regal in einer Nische. Es ist besser, Sie bestimmen, wo dieser Zufluchtsort ist, als Ihre Katze selbst einen suchen zu lassen. Denn dann müssen Sie sie suchen, und das verschreckt sie erst recht.

Platzieren Sie in der Nähe ihres geschützten Eckchens Futter- und Wassernapf sowie eine Toilette. Ihr scheues Tier wird sich anfangs nur bedienen, wenn niemand im Raum ist. Aber Sie verhindern damit, dass die Katze zu lange hungert und möglicherweise stuben unrein wird.

Wann immer Sie Zeit dazu haben, setzen Sie sich in den Raum, in dem die Katze sich aufhält, und lesen Sie ein Buch oder schauen Sie fern. Wichtig ist, dass Sie sich fast nicht bewegen, einfach nur anwesend sind und nie nach der Katze schauen. Sie soll sich unbeobachtet fühlen. Das wird ihre Neugier wecken, und sie wird sich immer näher an Sie wagen, sicherlich anfangs fluchtbereit, doch später immer frecher.

Abkürzen können Sie den Zähmungsprozess, wenn Sie im Raum, in dem Ihre Kratzbürste lebt, auch schlafen. Nichts, so wissen Verhaltensforscher, beruhigt eine scheue Katze mehr als die gleichmässigen Atemzüge eines schlafenden Menschen und die Wärme, die sein Körper von sich gibt. Nach ein paar Nächten werden Sie merken, dass Ihre Katze phasenweise Ihre Schlafstelle aufsucht, um dort ebenfalls zu ruhen. Machen Sie dann keinen Fehler! Reden Sie mit Ihr, aber streicheln Sie sie noch nicht. Warten Sie, bis sie auf Ihre Worte hin blinzelt oder sich sogar nähert.

Wenn sich die schlafende oder wache Katze an der Schlafstelle streicheln lässt, ist der Bann meist schon gebrochen. Sie können dann versuchen, sie mit Futter zu locken, so dass sie in Ihrer Gegenwart frühstückt und sich putzt. Irgendwann wird sie von sich aus Ihre Hand suchen, sich willig und schnurrend streicheln lassen. Erst dann sollten Sie es wagen, Ihre Mieze mit den anderen Familienmitgliedern vertraut zu machen, allerdings noch nicht mit Besuchern. Das wird noch einige Zeit dauern. Aber mit der Zeit können Sie voller Stolz Ihre Widerspenstige präsentieren.

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